Queere Rechte sind Menschenrechte

In München steht die Pride Week vor der Tür mit dem CSD als Highlight – und mir wird schmerzlich bewusst, wie sehr mir diese ganz besondere Demo in all ihrer Fröhlichkeit, Wucht und Vielfalt fehlt. Für mich ist der CSD alles andere als Folklore, und die enge Verbindung zur Münchner Community bedeutet mir sehr viel.

Bunt und fröhlich: Der CSD 2019 in München. Foto: Andreas Gregor

Ich werde gelegentlich gefragt, warum mir das Thema so wichtig ist. Natürlich hat die Frage eine gewisse Berechtigung, denn ich bin kein Teil der Community. Ich lebe mit meinem Mann und zwei Teenagern in Aubing, klassische Kleinfamilie also. Und trotzdem gibt es für mich eine unzertrennbare Verbindung zur queeren Szene, zu den lesbischen, schwulen, bi-, trans- und intersexuellen Münchnerinnen und Münchnern. Zu den non-binären Menschen und allen anderen Queers, die sich höchstens mit einem Sternchen versehen in die geschlechtliche Schubladenwelt einsortieren lassen. Machen wir uns nichts vor, „cis“ oder „hetero“ ist auch nicht mehr als eine weitere, große Schublade.

Wir können natürlich lange diskutieren, ob uns Schubladendenken weiterbringt, aber das Bild rückt zumindest eine Vorstellung zurecht: Es geht hier nicht um „normal“ und „anders“. Sondern, ganz wertfrei, um verschiedene Identitäten. Allein dieses Bewusstsein schafft für mich eine starke, ganz selbstverständliche Verbindung zur LGBTIQ*-Community.

Diese Verbindung hat aber noch eine andere Ebene. Dazu möchte ich einen kurzen Ausflug in die Vergangenheit machen. Für die eine sind die 70er, 80er Jahre eher Zeitgeschichte, der andere hat lebhafte eigene Erinnerungen an diese Zeit. So oder so müssen wir nicht all zu weit zurückschauen, um einen Blick in die Steinzeit zu werfen. So jedenfalls kommt nicht nur Lesben und Schwule die Zeit vor, als gleichgeschlechtliche Paare in der Öffentlichkeit beschimpft und bespuckt wurden oder keine gemeinsame Wohnung mieten konnten. Als die Kirche und konservative politische Kreise gegen Homosexuelle hetzten. Oder als beim ersten CSD in München 1980 mehr Polizisten als Teilnehmer waren.

Es gibt kaum ein anderes Thema, bei dem sich das gesellschaftliche Klima innerhalb von vier oder fünf Jahrzehnten so stark verändert hat – und das ist auch gut so. Denn LGBTIQ*-Rechte sind für mich schlicht Menschenrechte, und an der Universalität von Menschenrechten darf es keine Abstriche geben, für niemanden.

Solche Gerechtigkeitsfragen sind es, die mich in meinem politischen Handeln ganz stark antreiben, und darum ist für mich auch die Verbindung zur queeren Community so elementar.

Mir geht es dabei schlicht auch um Solidarität. Gesellschaftliche Solidarität ist der entscheidende Faktor, der aus den frühen Protestmärschen die bunte Polit-Parade gemachte hat, die der CSD heute ist. Diese Solidarität wird immer noch dringend gebraucht.

Natürlich kann München wirklich stolz sein auf seine queere Infrastruktur. Wir haben Beratungs- und Communityzentren für Schwule und Lesben, für Regenbogenfamilien und für ganz junge Menschen. Wir bemühen uns als Stadt von der Spitze her um Sichtbarkeit für die Community, zum Beispiel in dem wir die Rathausfassade zum CSD mit Regenbogenfahnen schmücken. Oder indem wir in besonderen Fällen unsere Gebäude in den Farben des Regenbogens erstrahlen lassen.

Wir können auch stolz sein auf die Toleranz in der Stadtgesellschaft. München ist eine bunte, eine vielfältige Stadt. Hier kann man gut leben, ganz egal wen man liebt.

Aber trotzdem fangen genau hier die Baustellen an. Denn Toleranz ist noch längst keine Akzeptanz, auch hier in München nicht. Ich denke da nur an die Fragen, die Kinder oder Eltern einer Regenbogenfamilie jeden Tag aufs Neue im Kindergarten, in der Schule oder in der Nachbarschaft beantworten müssen. An die Rollenklischees, die unsere Schulbücher durchziehen und die Schimpfworte, die auf Schulhöfen genauso salonfähig sind wie in Stadien. An die Alltagsdiskriminierung, die Menschen erfahren, die nicht ins zweigeschlechtliche Raster passen. Von gesetzlichen Vorgaben für trans- und intergeschlechtliche Menschen ganz zu schweigen. Und leider denke ich auch an offene Gewalt.

Hinzu kommt, dass ich leider nur zu genau weiß, dass erkämpfte Rechte nicht sicher sind. Wir sehen das ganz aktuell in unseren Nachbarländern. In Polen, einem EU-Mitgliedsstaat, haben sich in den letzten zwei Jahren plötzlich Gemeinden, Landkreise und Regionen zu „LGBTIQ-freien Zonen“ erklärt. Es sind schon mehr als 100 Stück! Und auch in Ungarn sind die politischen Entwicklungen sehr bedenklich. Deshalb haben wir ja im Stadtrat den Antrag gestellt, die Allianz Arena zum EM-Spiel Deutschland-Ungarn in Regenbogenfarben zu beleuchten. Wir wollten ein Zeichen der Solidarität mit queeren Menschen in Ungarn setzten, denn das Parlament in Budapest hat erst vor wenigen Tagen Gesetze beschlossen, die ganz offen homo- und transfeindlich sind. Ein anderes Beispiel ist Münchens Partnerstadt Kiew. Hier kämpft die Community jedes Jahr erneut darum, dass eine Demo wie der CSD überhaupt stattfinden kann – und wenn, dann gelingt das nur unter massiven Sicherheitsvorkehrungen.

Wir müssen hier gegenhalten und die Errungenschaften verteidigen – auf jeder Ebene. Ich freue mich zum Beispiel sehr, dass das Europaparlament im März eine Resolution verabschiedet hat, mit der die EU zur LGBTIQ* Freedom Zone erklärt wurde, also zum Freiheitsraum für LGBTIQ*-Personen. Das war eine direkte und bewusste Reaktion auf die Entwicklungen in Polen und Ungarn. Auch ich gehöre zu dem großen Unterstützerkreis, der versucht, diese Resolution mit Leben zu füllen.

München ist ein solcher Freiheitsraum, ein ganz wunderbarer sogar. Aber wir müssen ihn schützen und – ja – auch noch erweitern. Ich habe einige Probleme angesprochen, die auch im Jahr 2021 immer noch aktuell sind. Also lasst uns zusammen auf die Straße gehen, auch wenn das in dieser Pandemiezeit zum Teil nur virtuell möglich ist. Lasst uns gemeinsam unter dem Regenbogen stolz die Vielfalt der sexuellen Identitäten zeigen, die eine so unglaubliche Bereicherung für das Zusammenleben sind. In München – und überall auf der Welt.